Die große Stille – ein Leben als Kartäusermönch.
Auf Einladung des Pfarrgemeinderats Hengersberg erzählte Frater Serafim Becker aus dem Kloster Niederalteich über seine Jahre bei den Kartäusern, die Beweggründe zu seinem Eintritt in die Gemeinschaft und seine Spiritualität.
Der Orden der Kartäuser wurde vom heiligen Bruno aus Köln gegründet. Dieser zog sich nach einer Vision zusammen mit sechs Gefährten in die einsame Gegend von Chartreuse in
der Nähe des Mont Blancs in Frankreich zurück. Sie bauten sich kleine Eremitagen, die durch einen Kreuzgang verbunden waren, sowie Gemeinschaftsräume und eine Kirche. „La Grande Chartreuse“, die große Kartause, entstand und gab dem Orden seinen Namen.
In den Statuten des Ordens liest man: „Unser Bemühen und unsere Berufung bestehen vornehmlich darin, im Schweigen und in der Einsamkeit Gott zu finden.“ Frater Serafim stammt aus dem Landkreis Altötting. Seine Familie weist einen katholischen Hintergrund auf, wie er erzählte, jedoch ohne größeren Eifer. Der sonntägliche Kirchgang war üblich, ansonsten führte der junge Mann ein typisches Leben mit allem, was dazugehört, „Sex, Drugs and Rock‘n’Roll“, wie es der Referent flapsig formulierte. Sein Beruf war Chemikant.
Im Alter von 20 Jahren begann seine Sinnsuche. Da ihm die katholische Kirche ursprünglich als zu verstaubt erschien, beschäftigte ihn unter anderem der Buddhismus. Ein Besuch der
Gnadenkapelle in Altötting jedoch gab den Ausschlag, sich auf die Suche nach Gott und Jesus zu machen. Mehrere kürzere Aufenthalte in Klöstern folgten. Eine große Ruhe und Distanz zur geschäftigen Welt erlangte der junge Mann durch das „Jesusgebet“, das ihn wegen der ständigen Wiederholung zur inneren Ruhe führte. Schließlich fiel ihm ein Büchlein über den Kartäuserorden in die Hand, das ihn nicht mehr losließ. Erfüllende und befreiende Jahre als Brudermönch im deutschen Kloster in der Nähe von Bad Wurzach, der Marienau, und im amerikanischen Kartäuserkloster in Vermont in Amerika folgten. Dieser radikalen Abkehr von der Welt stand einerseits ein Leben ohne Sorgen gegenüber, schilderte Frater Serafim. Er betonte, dass die Askese (zu Deutsch Verzicht) ihn frei und sorgenlos machte. Die Strukturen eines festen Tagesablaufs, in dem sich Gebet, geistliche Lesung und praktische handwerkliche Arbeiten abwechselten, sowie das Fehlen elektronischer Medien unterstützten ihn beim Einleben.
Staunend erfuhren die Zuhörer vom Tagesablauf der Kartäuser. Der Tag beginnt um Mitternacht. Die Mönche nehmen damit das Wort eines Psalms ernst, siebenmal am Tag aufzustehen, um Gott zu preisen. Ebenso fordert der Herr, in der Tiefe der Nacht zu wachen,
um auf den Bräutigam zu warten. Nach diesem Nachtoffizium folgt die zweite Nachtruhe. Morgens gibt es in der Regel kein
Frühstück, die Hauptmahlzeit ist das nahrhafte und sehr gesunde, stärkende Mittagessen. Frater Serafim betonte, er hätte wohl nie in seinem Leben so gesund und auch köstlich gegessen wie in seiner Zeit als Kartäusermönch. Abends wird höchstens noch eine kleine
Mahlzeit wie Brot und ein Getränk eingenommen, wie alle Mahlzeiten allein in der Zelle. Das Nachtoffizium der Brüdermönche ist etwas kürzer und ein Frühstück ist ihnen bei Bedarf
gegönnt. Brudermönche, wie auch Frater Serafim einer war, sind keine geweihten Priester, sondern sorgen für das leibliche Wohl der Priestermönche, verrichten sämtliche handwerklichen Tätigkeiten im Kloster, machen Besorgungen usw. Nur sonntags findet das Mittagessen gemeinsam im Refektorium statt sowie eine Zeit des
gemeinsamen Dialogs, „Rekreation“ genannt. Die zweite, sehr wichtige Form des sozialen Kontakts stellt ein wöchentlicher, gemeinsamer, etwa vierstündiger Spaziergang dar, bei
dem sich abwechselnd immer jeweils zwei Mönche im persönlichen Gespräch austauschen.
Diesen streng geregelten Tagesablauf sah der Vortragende nicht als Einschränkung, sondern als Chance für seine Gottsuche, Gebet und Vertiefung seines Glaubenslebens. Glaube ist laut Serafim radikale Hinwendung zu Gott. Er sieht die lebenslange Aufgabe aller
Christen darin, Gott kennenzulernen, sich selbst kennenzulernen und den Mitmenschen kennenzulernen. Die drei Gelübde, die jeder Mönch ablegt, nämlich zum Gehorsam, zur Armut und zur Keuschheit, sind dabei so etwas wie geistige Werkzeuge auf diesem Weg. Nach vielen Jahren als Kartäuser verhinderte die Abstimmung seiner Mitbrüder Frater Serafims Verbleiben im Orden. Er sieht jetzt seine Aufgabe und Berufung im pastoralen bzw. priesterlichen Dienst. Nach dem Verlassen der Kartause trat er in den Benediktinerorden ein und studiert nun in Regensburg Katholische Theologie. Mit dieser Fügung in seinem Leben ist er zufrieden und Gott dankbar. Die Zuhörer zeigten durch gebanntes Zuhören und viele Fragen reges Interesse an dieser für sie fremden Lebensform. Beeindruckt zeigten sie sich von der Offenheit und Lebendigkeit
der Schilderungen Frater Serafims.



Fotos Josef Kremheller und Frater Serafim, Text Christine Kremheller.